Brasilien - Favela in Rio de Janeiro

Favela in Rio de Janeiro – Ein ehrlicher Erfahrungsbericht

„Mit dem Bus fuhren wir zurück nach Santa Teresa, zur Verwunderung der Cariocas, die uns davor warnten, dass wir erschossen werden würden. Wurden wir nicht, aber dafür erlebten wir eine andere böse Überraschung. Es erwarteten uns ungeheuer große Kakerlaken in unserem Bad. Erstmal abdichten, Tür zu – Feierabend!“

(Tagebuchausschnitt, Hannah)

Das Konstrukt Favela in Rio de Janeiro polarisiert, medial und sozial. So unterschiedlich die Vorstellungen der außenstehenden Bevölkerung, sowohl der sozial reicheren Einwohner Rios als auch in Europa und dem Rest der Welt, über das Leben in den Favelas ist, so kontrovers sind die Meinungen zu dieser Thematik. Dies hier wird ein etwas anderer Beitrag, kein informativer Reisebericht zu einer bestimmten Sehenswürdigkeit oder einem Land. Bewusst haben wir uns für unseren einwöchigen Aufenthalt in Rio de Janeiro eine ebenso etwas andere Unterkunft gewählt: eine Favela! Ist das nicht gefährlich? Oder gar sozial verwerflich? Wir möchten mit dir ganz offen und ehrlich unsere Erfahrungen teilen, zwischen Licht- und Schattenseiten abwägen, um dir ein möglichst authentisches sowie transparentes Bild einer Favela in Rio de Janeiro zu vermitteln. Sei gespannt!

Wichtige Hinweise

Unabhängig von allem, was wir dir in diesem Artikel über das Leben als Tourist in einer Favela berichten werden, wird dringend vom Fotografieren innerhalb der Favela abgeraten. Deshalb beinhaltet dieser Beitrag höchstens Aufnahmen mit Blick aus der Favela heraus oder teils komplett unabhängige Aufnahmen.
Außerdem möchten wir darauf hinweisen, dass unsere Erfahrungen lediglich auf einer einzigen bestimmten Favela beruhen und demnach nicht pauschalisiert werden können.

Vila Pereira da Silva – Unser “Zuhause”

Zunächst ein paar allgemeine Informationen zu den Gegebenheiten. Die Pousada Favelinha liegt in der Favela Vila Pereira da Silva im Stadtteil Laranjeiras. Das Hostel existiert seit 2004 und ist damit das allererste, das innerhalb einer Favela Gäste aus aller Welt empfängt. Alleine daran kann man die Entwicklung der gesellschaftlichen Stellung der Favelas bereits erahnen.

Laut offizieller Quelle des Favela-Hostels Pousada Favelinha selbst, ist die Vila Pereira da Silva mittlerweile die friedlichste Favela der Innenstadt und bietet aufgrund der Lage oberhalb von Santa Teresa die wohl schönste Aussicht. Das können wir nur bestätigen! Als wir unsere Balkontür erstmals öffneten und in der Ferne den besten Blick auf den Zuckerhut hatten, waren wir wirklich überwältigt. Sieh selbst!

Ausblick aus Favela in Rio de Janeiro

Sicherheit – Fakten und Gefühle

Von Drogenbanden und Anarchie

Angesiedelt an den steilen Bergen und Hängen Rio de Janeiros, dienen die praktisch anarchisch regierten Siedlungen, ähnlich wie Slums, als Zuhause für die Armen bzw. ursprünglich für Sklaven. Dies führte unvermeidbar zu sehr starker Kriminalität, die unter anderem in sozialer Ausgrenzung und Ungleichheit begründet liegt. Des Weiteren sind und waren Favelas der ideale Rückzugsort für Drogenbanden, die dort ihre Macht ausüben. Es herrschen keine Gesetze, die Straßen sind nicht befahrbar, die Polizei zählt diese Bereiche teils gar nicht zum Einsatzgebiet. Im Zuge der Fußball WM 2014 und den Olympischen Spielen 2016 wurde ein großer Teil der existierenden Favelas durch staatliche Kontrolle befriedet. Leider kommt die Gewaltherrschaft wieder. Durch wechselnde Machtposten in der Regierung verliert das Projekt an Substanz und die Anzahl der Morde nimmt wieder zu.

Die Sicherheit in der Unsicherheit

Wie haben wir uns persönlich gefühlt? Zur Sicherheit haben wir uns ausnahmsweise für einen vom Hostel organisierten Flughafentransfer entschieden. Die Sicherheit lag für uns jedoch zunächst eher darin, unsere Unterkunft überhaupt zu finden, wussten wir doch, dass diese eher schwer zugänglich und nicht gerade offensichtlich gelegen sein musste. Als der Fahrer uns am Fuße eines steilen Berges mit einem serpentinenartigen Weg an der Rua Almirante Alexandrino rausließ und kurzum das Hostel kontaktierte, waren wir zugebenermaßen doch etwas irritiert. Okay, da müssen wir mit unserem Gepäck wohl irgendwie hoch. Wir verstanden dann, dass uns der junge blonde Brasilianer (Namen nennen wir bewusst nicht) mit dem Tragen behilflich sein und uns für den nicht ausgeschilderten Weg begleiten wollte.

Ein wenig später realisierten wir den zweiten Grund. Der persönliche Begleitschutz sollte ebenso dazu dienen, uns den Favela-Einwohnern „vorzustellen“, damit diese wissen, dass wir ein Teil von ihnen sind. Und genau dieses Gefühl trat spätestens am zweiten Tag auch ein. Den skeptischen Blicken wichen freundliche Gesichter, als wir durch die Favela liefen. Lebensfrohes Grinsen von der kochenden Mutter am Straßenrand und mutmachendes Zulächeln von den nur mit Hose bekleideten kleinen Fußballstars verschaffte uns ein unheimliches Sicherheitsgefühl. Von den Mitarbeitern der Pousada Favelinha erfuhren wir im Gespräch außerdem, dass man als Hostelgast hier am sichersten sei. Diebstahl? Niemand würde hier klauen, man wird als Teil der „Familie“ betrachtet und vor Eindringlingen sogar beschützt. Schließlich dient das Hostel gleichzeitig als soziales Projekt zur finanziellen Unterstützung.

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Gespaltene Gesellschaft

Offenbar scheint sich der Spalt zwischen den Menschen in den Favelas und den, nennen wir es privilegierten Cariocas (Einwohner Rios), trotz aller Bemühungen, nicht so schnell zu schließen. Dies wurde uns auf wirklich krasse Weise auf einer Busfahrt bewusst, als wir von einem Tagesausflug bei Dunkelheit mit dem Bus zurückfahren wollten. Es war zu Beginn unseres Aufenthaltes und wir waren bezüglich der richtigen Haltestelle aufgrund der gleich ausschauenden Straßen noch nicht wirklich routiniert. So fragten wir bei einer Mitfahrerin nach dem Namen der Haltestelle und wann diese kommt. Ihr Blick verwunderte uns. Sie schien wirklich geschockt, als habe sie gerade etwas ganz Schreckliches erfahren. Mit sehr bestimmtem Ton ermahnte sie uns sinngemäß: „Da könnt ihr auf keinen Fall hin! Dort werdet ihr erschossen!“. Prompt gesellten sich andere Fahrgäste dazu und stimmten ihr bei. Wir versuchten die Situation zu erläutern und ließen uns nicht verunsichern.

Die Plakate an Straßenlaternen und Masten vor Beginn einer Favela könnten einen jedoch durchaus sehr verunsichern. Auf diesen ist mit Großbuchstaben „Achtung – Überfälle in dieser Gegend“ geschrieben und Strichmännchen als Bewaffneter und Opfer dargestellt.

Tief im Inneren ist diese Begegnung aber in unseren Köpfen geblieben. Wir möchten das Leben und Treiben in den Favelas keinesfalls verharmlosen. Mit Sicherheit herrscht dort immer noch extreme Gewalt und es spielen sich Szenen ab, die wir uns als Touristen nicht ausmalen möchten. Nichtsdestotrotz hat uns diese Szene auch etwas anderes gezeigt: Unwissenheit schürt Skepsis und Vorurteile. Dies trifft in Rio de Janeiro in dieser Konstellation im Kleinen zu, kann aber auch exakt so auf unser Zusammenleben in der ganzen Welt übertragen werden.

Das authentische Rio de Janeiro – Leben wie das Volk

Favelas als attraktive „Sehenswürdigkeit“

Im Zuge der Befriedung seitens des Staates gewannen die Favelas in Rio de Janeiro ebenso an Attraktivität für Touristen. Aus Touristensicht gehören sie doch zum Stadtbild, wie der Zuckerhut, die Copacabana oder die Christusstatue. Viele Anbieter nehmen Touristen im Rahmen einer „Tour“ mit in diese andere Welt. Anders wird von einem Zugang im Übrigen auch strengstens abgeraten. Am berühmtesten dafür ist sicherlich die Favela Santa Marta. So viel vorab: Ja, natürlich gehören die Favelas zum Stadtbild Rio de Janeiros – und wie! Immerhin gibt es sage und schreibe 750 Favelas, in denen schätzungsweise die Hälfte der Einwohner Rios leben. Unglaublich, oder? Demnach spiegelt sich die Hälfte des Lebens dort ab, in den Favelas. Symbolisch gesprochen, hat man also nur die Hälfte von Rio erlebt ohne Einblick und Kontakt zu diesen Menschen.

Aber wie kommt es an, wenn man sich als reicher, privilegierter und weißer Tourist die armen Lebensumstände anderer Menschen ansieht oder sich gar an ihnen ergötzt? Manche Kritiker ziehen den Vergleich mit einem Zoo heran. In mancher Hinsicht hat diese Perspektive sicherlich ihre Daseinsberechtigung. Psychologisch betrachtet können sich die Bewohner minderwertig vorkommen, Neid und sozialer Hass verstärkt oder Überlegenheitsgefühle der Besucher gefüttert werden.

Unserer Meinung nach darf und sollte diese Ansichtsweise jedoch keineswegs pauschalisiert werden. Stellen wir uns die Situation mal anders vor: Was ist, wenn wir als Tourist, oder sei es als Einheimischer einer weniger reichen Schicht, durch ein Bankenviertel oder eine Villenallee laufen? Ungeachtet der Frage, wer hier wem überlegen sein mag, findet auch hier ein Betrachten anderer Umstände statt. Ob die Favelas als Sehenswürdigkeit oder gar Zoo betrachtet werden, liegt doch nicht in der Sache als solche begründet, sondern vielmehr an der Einstellung der Favela-Bewohner, an der Einstellung von uns als Tourist sowie dem Umgang der Mediatoren (Tourenanbieter oder Hostel wie in unserem Fall).

Favelas als gesellschaftliche Lehrstunde

Wir betrachten den Besuch in einer Favela nämlich ebenso aus einer anderen Perspektive und begreifen das Zusammenführen als Chance. Als Chance für beidseitiges Verstehen und als Chance für wachsende Akzeptanz.

Die Menschen in der Favela leben quasi auf der Straße, die gesamte Favela ist ihr Zuhause. Nun stell dir vor, ein Fremder kommt ungebeten in deine Wohnung oder dein Haus. Wärst du diesem Fremden im ersten Moment vielleicht auch nicht direkt wohlgesonnen? Lernst du ihn kennen, merkst du womöglich: Hey, das ist ja auch ein Mensch und nett ist er auch noch. Und nein, er will mir auch wahrscheinlich gar nichts Böses, er ist hier um mich kennenzulernen. Jemanden kennenlernen zu wollen ist ein Zeichen von Respekt und den sollten wir vor den Favela-Bewohnern gleichermaßen haben wie vor unserem Chef auf der Arbeit, unseren Kollegen, unseren Eltern oder einem Fremden mit mehr Geld in der Tasche. Denn was ist das Resultat? Wir können Vorurteile aus dem Weg räumen, die zuvor eine zwischenmenschliche Hürde darstellten. Und darauf aufbauend, können wir uns verstehen – ja vielleicht sogar zusammenarbeiten. Gehen alle Beteiligten mit dieser Einstellung an die Sache heran, ist ein Besuch in einer Favela doch nicht verwerflich, oder?

Wir erinnern uns zurück an die Frau im Bus. Hätte sie eine positive Erfahrung oder ein nettes Gespräch mit einem der Bewohner gehabt, wäre ihr Bild einer Favela vielleicht ein anderes. Wir möchten dennoch nochmals betonen: Favelas sind in keinem Fall per se sichere Orte! Die Kriminalität ist erneut steigend auf einem hohen Niveau und alleine ohne einen Ortskundigen bzw. Experten solltest du dich wirklich nicht dort hineinbegeben. Es ist zudem ziemlich sicher, dass die Umstände von Favela zu Favela stark variieren. Wie eingangs erwähnt beruhen unsere Erfahrungen nur auf den Umständen in der Vila Pereira da Silva.

Die Chance, die uns die Vila Pereira da Silva gegeben hat, haben wir angenommen. Wir durften bei ihnen übernachten, als Fremde. Sie akzeptierten uns, wir akzeptierten sie. Sie verstanden uns, wir verstanden sie. Sie waren uns dankbar, wir waren ihnen dankbar.

geschrieben von Hannah

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